Die Farbe der

Ich weiß eine Farbe, der bin ich so hold,
die achte ich höher als Silber und Gold;
die trag' ich so gerne um Stirn und Gewand,
und habe sie Farbe der Wahrheit genannt.

Wohl reizet die Rose mit sanfter Gewalt,
doch bald ist verblichen die süße Gestalt.
Drum ward sie zur Blume der Liebe geweiht,
bald schwindet ihr Zauber vom Hauche der Zeit.

Die Bläue das Himmels strahlt herrlich und mild,
drum gab man der Treue dies freundliche Bild.
Doch trübet manch Wölkchen den Äther so rein,
so schleichen beim Treuen oft Sorgen sich ein.

Die Farbe des Schnees, so strahlend und licht,
heißt Farbe der Unschuld; doch dauert sie nicht.
Bald ist es verdunkelt, das blendende Kleid,
so trüben auch Unschuld Verläumdung und Neid.

Und Frühlings, von schmeichelnden Lüften entbrannt,
trägt Wäldchen und Wiese der Hoffnung Gewand.
Bald welken die Blätter und sinken hinab,
so sinkt oft der Hoffnungen Liebste ins Grab.

Nur Wahrheit bleibt ewig, und wandelt sich nicht,
sie flammt wie der Sonne allleuchtendes Licht.
Ihr hab' ich mich ewig zu eigen geweiht.
Wohl dem, der ihr blitzendes Auge nicht scheut!

 

Warum ich, so fragt ihr, der Farbe so hold,
den heiligen Namen der Wahrheit gezollt?
Weil flammender Schimmer von ihr sich ergießt,
und ruhige Dauer sie schützend umschließt.

Sophie Mereau  (1770-1806)